One of the sadder chapters of my life is my father's descent into right-wing conspiratorial ideologies — and my subsequent decision to cut off contact. Deutsches Theater Berlin invited me in 2019 to write a play about this loss.

“Die härteste Tochter Deutschlands” premiered in May 2020, during the pandemic, as a livestream performance. It was directed by Sarah Kurze and featured the talents of Elias Arens, Edgar Eckert and Annemie Twardawa. The script was supervised by Sima Djabar Zadegan, music composed by Marcel Braun and Björn Mauder, and the livestream operated by Roman Kuskowski.

written in November 2019
 3min

Auszugsweise Lesung aus dem Stück bei KOOKread am 21. September 2021, mit Khesrau Behroz, Tobias Ginsburg und Pastor Leumund. Beginn ab 31:00

Die Matrix

In meinem Leben ist

alles ist aus den Fugen geraten

nichts hat Bestand

alles,

was ich weiß –

alles,

was ich glaubte zu wissen,

wurde erschüttert.

Ein Beben,

im völlig haltlosen Raum.

Wo soll ich denn jetzt wieder

anfangen?

Was ist das denn überhaupt,

Anfang?

Wenn es einen Anfang geben soll,

dann muss es eine Wahrheit geben.

Jeder Wahrheit ist ein Anfang.

Aber was ist das,

Wahrheit?

Und woher soll ich wissen,

was wahr ist und

was nicht.

Das ist doch alles nur
Aussage

gegen Aussage.

Die Medien sagen
dies,

anonyme Menschen im Internet sagen

das.

A sagt
dies

B sagt
das.

Aber ganz klar 
ist das nicht

wem man glauben soll

und wieso.

überhaupt:

Wer

wird denn

wodurch

überhaupt befähigt

die Wahrheit für sich zu beanspruchen?

Vielleicht ist es wirklich wie in der Matrix.

Zwei Pillen
eine rot 
und eine blau

und du musst dich entscheiden.

Entscheiden, welche du schluckst.

Welche Wahrheit du künftig schluckst.

So oder
so?

Weder noch, sagst Du

Du bist vorn.

Nein,

Du kannst nicht hinter die Kulissen sehen,

Du siehst nur, was du sehen möchtest.

Es muss doch nicht

immer nur die 
rote Pille

sein

Ich erinnere mich an eine Zeit

da hast du es
grundsätzlich abgelehnt

Pillen zu schlucken

Ich glaube

das war genau die Zeit,

in der das hier angefangen hat

Vor meinen Augen

also fast

ich war drüben,

in meinem Zimmer,

und du warst wach,

bist in der Matrix versunken

tiefer

und immer tiefer

und ich habe geschlafen
tiefer

und immer tiefer

Du hast dich in Suchergebnissen vergraben

in Interessen
,
die so absurd sind
,
dass es auf sie keine Widerworte gibt

Selbst Morpheus hat davor gewarnt,

dass dich die rote Pille

immer tiefer in den

Kaninchenbau
führt.

Zwischen Sonnenuntergang

und Sonnenaufgang

wenn alles ruht

und nur deine

Schmerzen dich wachhalten

da kriecht das Unsagbare aus seinem Versteck

Die Nachrichten, die tagsüber nirgendwo zu lesen sind

die Menschen, denen sonst keiner zuhört

die Fakten, die im Verborgenen bleiben müssen

und das Ungeheuerliche,

sie schicken dich

auf falscher Fährte

in die Untiefen

der Unvollständigkeit.

 

 

20 Jahre später

Wenn mir zum Beispiel vor 20 Jahren einer gesagt hätte: “[D]ie Erde ist rund…äh…flach” oder "[D]a mit dem Adolf, da stimmt was nicht.” Oder “Mit dem da, was da in den … in den Lagern abging, da stimmt was nicht.”… Ich hätte in heftigster Form mit dem diskutiert. Und ich hätte Meinungen vertreten, die ich nicht selbst geprüft habe. Das wurde mir bewusst und das war für mich auch der härteste Weg – von 2001, aber richtig extrem wurde es erst 2004 … mit Erkennen der BRD. Wie weit ich mir Meinungen einfach bilde, ohne wirklich Ahnung zu haben. Ohne Dinge selbst geprüft zu haben. — O-Ton, Archivmaterial

Und wenn mir vor 10 Jahren einer gesagt hätte,

dass mein Vater glaubt, die Erde ist flach.

Und Hitler missverstanden.

Und der Holocaust, der ist nicht passiert.

Wenn mir das vor 10 Jahren einer gesagt hätte,

ich hätte aufs Heftigste mit dem diskutiert.

Und ich hätte meinen Vater in Schutz genommen,

ohne zu wissen,
was ihn schon längst beschäftigt.

Ohne zu wissen,
was er wirklich denkt.

Ohne zu wissen,

dass er so fest davon überzeugt ist,

dass alles aufgibt,
was ihm einmal wichtig war.

Und ohne zu wissen,

dass er nur deshalb nichts sagt,
weil meine Mutter und weil ich
seine Mauern des Sagbaren sind.

Diese Mauern sind eingerissen.

Das wurde mir bewusst.
Und das war für mich auch der härteste Weg.

Erkennen, wer er ist:

Der härteste Mann Deutschlands.

Ein Nazi.

Und mein Vater.